Popmusiktaugliche Kirchen sind möglich

Ein Zwischenruf anlässlich der Weihe der Emmaus-Kirche in Hallbergmoos.

Rund 1.100 Evangelische leben laut Pfarrer Thomas Bachmann in der kleinen Gemeinde Hallbergmoos in der Nähe von München. Gegenüber 4.000 konfessionslosen Menschen nicht gerade sehr viel. Trotzdem engagiert sich die Gemeinde seit Jahren und hat sich schon lange für ein eigenes Gemeindezentrum eingesetzt. Und weil Pfingsten der Geburtstag der Kirche ist, ist es sicher kein Zufall, dass die neue Emmaus-Kirche in Hallbergmoos, an der wir als Verband unseren Sachverstand in Sachen Beschallung eingebracht haben, an diesem Tag ihre Weihe erhält.

Ich habe mich etwas früher auf den Weg gemacht um die Räume noch möglichst komplikationslos ansehen zu können und um die letzten Probentöne von Band und Chor zu erleben. Die sind schon intensiv dabei, letzte Hand an die musikalischen Programmteile zu legen. Der Kirchenraum, der von Anfang an multifunktional gedacht war ist rechteckig, schlicht und verfügt über eine umlaufende Empore. Das was man nicht sieht, ist das wirklich neue. In Boden und Wänden verlegt steckt das, was diesen Neubau ungewöhnlich macht. Auf bis zu 72 Kanälen kann hier in Zukunft Musik abgemischt und dargeboten werden. Unterstützt mit einer kleinen, allerdings konventionellen Lichtanlage. LED ist Trumpf und daher klein und kaum wahrnehmbar. Leider nicht alle Boxenkomponenten waren pünktlich zum Start ausgeliefert worden. So fehlte noch der Subwoover und die Zusatzboxen für die Empore.
Umso beeindruckender der Gesamtklang von Band und Chor der sich mit dem vorhandenen Equipment bereits erzeugen lässt. Geschuldet sicher auch dem elektronischen Schlagzeug und der dank der vorhandenen Kanäle möglichen engmaschigen Chorabnahme. So macht unser Musikgenre Spaß.
Zusatztechnik auch in Zukunft kein Problem, da die vorhandenen Kabelkanäle auch noch glasfasertauglich sind. Das erklärt mir auch noch die Technikcrew voller Stolz. Band und Chor merkt man ihre mittlerweile jahrelange Erfahrung an, auch wenn der wegen eines akuten medizinischen Notfalls eigentliche musikalische Leiter an diesem Tag in der Klinik ist.
Die gewählten Lieder, die meisten davon aus dem Bereich „Anbetung und Lobpreis“ sitzen wie angegossen. Timing und Intonation sind auch dank des guten Monitoring optimal und es macht mehr als Spaß hier schon bei der Probe zuhören zu können.
Mittlerweile treffen mehr und mehr Gäste ein und der Raum füllt sich. Nicht alle, die dieses Ereignis miterleben wollen, werden am Schluss einen Platz bekommen. Auch die Nebenräume, in die dank der Technikplanung eine Übertragung möglich ist sind bis auf den letzten Platz besetzt. Bereits die bestehende Gemeinde ist so groß, das man prognostizieren könnte, das bald mehr Platz notwendig wird.
Aber auch das Interesse der Hallbergmooser an ihrer neuen Kirche vor Ort ist spürbar. Dass es ein gutes Miteinander in der Ökumene und auch in der politischen Gemeinde ist, wird nach dem eindrücklichen Gottesdienst noch deutlich. Der besticht vor allem durch seine gute Musik und das gemeinsame Singen. Da singt die ganze Gemeinde, auch wenn einige nach eigenem Bekunden einen Teil der Lieder (noch) nicht kennt.
Da der Tontechniker das Ganze gut im Griff hat ist Mitsingen auch kein Problem. Das hat die neue Emmaus-Kirche anderen Kirchen schlicht voraus. Auch weil man akustisch von Anfang an darauf geachtet hat. Hier hat sich auch der Einsatz und die Beratung unseres Technikbeauftragten Thomas Neumann bezahlt gemacht. Bereits jetzt wird diese Kirche durch das
Landeskirchenamt als Beispiel für ein gelungenes Preis-Leistungsverhältnis gehandelt.
Wie gut, dass dies auch mit einer entsprechenden Technik möglich ist, wenn man sich vorab Gedanken dazu gemacht hat. Wie viele Gedanken für diese Kirche außer der Technik noch notwendig waren wird in den Grußworten deutlich, bei denen man sich auf eine kleine Anzahl und auf eine kurze Redezeit geeinigt hat. Musik ist auch hier ein Thema. Die stellvertretende Landrätin, selber evangelisch, würde sich diese Musikarbeit auch in ihrer Gemeinde wünschen. Diese Anmerkung spricht für sich.
Schließlich endet ein bewegender Festakt bei Kaffee, Kuchen oder Häppchen und Bier, und auf jeden Fall mit vielen Kontakten und Gesprächen. Die neue Herausforderung heißt jetzt Alltag. Hier wird sich zeigen, was durch die freiwerdenden Ressourcen, die in den letzten Jahren durch Neubau und das Gemeindeleben in Provisorien notwendig waren nun in andere Aktionen bewirken wird. Man darf gespannt sein.
Und noch etwas: Pünktlich zur Einweihung ist die Emmauskirche für Ihr Engagement und den Kirchenneubau in Hallbergmoos bei der Aktion „Gemeinde 2012“ des evangelischen Magazins Chrismon auch noch mit einem zweiten Preis ausgezeichnet worden.

Eine schöne Anerkennung.

Interview mit Thomas Bachmann, Pfarrer in Hallbergmoos;

Anlässlich der Einweihung hat Thomas Nowack mit Pfarrer Thomas Bachmann gesprochen.

m&m Herzlichen Glückwunsch zur Einweihung und Segenswünsche für viele gute Begegnungen, Gottesdienste und geistliche Erfahrungen in der neuen Emmauskirche. Wie fühlt man sich nach dem Endspurt, der ja nun in einen Marathonlauf übergeht, denn jetzt geht es ja eigentlich erst richtig los?

Thomas Bachmann Ich bin sehr dankbar und gebe den Dank nach „oben“, dass wir weitgehend unbeschadet dieses Projekt gemeinsam geschultert haben. Wir sind sehr glücklich über unsere neue Kirche und freuen uns auf den Gemeindealltag, der vor uns liegt.

? Das neue Gemeindezentrum ist ja nicht vom Himmel gefallen. Wie kam es dazu?
! Bereits vor meiner Zeit wurde das Grundstück erworben. Als meine Familie 2004 nach Hallbergmoos kam, wurde ich zuallererst mit dem Bauausschuss bekannt gemacht. Es gab auch einen Kirchbauverein, der sich um Mittel für einen Bau bemühte. Die Perspektiven für die Errichtung der Kirche lagen damals bei 15-20 Jahren. Nachdem auch meine Stelle nur kurzfristig angedacht war, gab es für mich wenig Grund, hier Gas zu geben. Auch deswegen, weil die Landeskirche damals keine Zuschüsse in Aussicht gestellt hat. Als jedoch mit einiger Anstrengung mein Verbleib als Pfarrer verlängert wurde, gab ein Musical den Anstoß, eine kurzfristige Perspektive für den Bau anzustreben. Mit einer Aktion „Gemeinsam Helden“ warben wir für 200 000 €, der Gang zur Landeskirche wurde zu einer Ermutigung, da auf einmal Zuschüsse zugesagt wurden. Dann ging es zum Bürgermeister und in den Gemeinderat und so hatten wir letztlich die Zusagen von 850 000 € der Landeskirche, 300 000 € von der politischen Gemeinde und setzten uns selbst zum Ziel, die fehlenden 450 000 € durch den Kirchbauverein und viele Aktionen zu schultern.

? Welche Projekte und welche Gemeindeentwicklung waren notwendig um dieses Ergebnis zu erreichen?
! Für die Mitgliederbindung und das Gewinnen neuer Menschen habe ich 2009 das Gemeindepflanzprojekt „Neuer Wein in neue Schläuche“ bei der Landeskirche beantragt. Nach einer Phase von 18 Monaten im Kirchenvorstand und Dekanats-Ausschuss wurde dieses zum 1. Nov 2010 genehmigt. Bereits die Jahre seit Beginn meiner Dienstzeit haben wir auf „Gottesdienste anders“ gesetzt, um Menschen neu für die Kirche und den Glauben anzusprechen. Eine gute Ökumene vor Ort, die ich bereits vorfand, half uns ebenfalls bei den Spendenaktionen. Hinzu kommt die wunderbare Arbeit der Presse, die Unterstützung zweier Ortszeitungen, die für uns wie Gemeindebriefe fungieren, über alles wesentlich mit Bildern berichten.

? Auf was seid ihr als Gemeinde dabei besonders stolz?
! Da gibt es vieles, was mich mit Dankbarkeit erfüllt. Vor allem die Menschen, die sich einbringen und sich immer wieder auf neue Ideen einlassen. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die Unmengen an Zeit und Geld investieren – das ist unglaublich. Seit 2010 werde ich ja zu 25 % meiner Stelle aus der eigenen Gemeinde finanziert. Die musikalische Arbeit liegt mir sehr am Herzen und auf unseren musikalischen Leiter und seine Investitionen in Chor- und Band bin ich stolz.

? Welche Schwerpunkte seht ihr als Gemeinde für die nächsten Jahre?
! Menschen sollen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus finden, ihre Gaben entdecken und sich mit Freude in der Gemeinde einbringen können. Es braucht viele Menschen, die Verantwortung übernehmen, damit dieses missionarische Projekt auch wirklich von einer breiten Basis getragen wird.

? Welche Rolle wird dabei christliche Popularmusik spielen?
! Die christliche Popularmusik spielt meines Erachtens und auf Grund meiner Erfahrung eine sehr wichtige Rolle. Dass wir Menschen gemäß ihrem eigenen Musikhörverhalten in der Kirche begegnen, ist eine offene Türe, durch die viele Menschen sich neu auf Kirche einlassen. Die Herausforderung wird sein, gute Musiker und Anleiter für das Lob Gottes im Gottesdienst zu finden und zuzurüsten. Denn letztlich geht es nicht um Musikstil, sondern um Anbetung Gottes. Der Stil ist lediglich das Medium dafür.

? Siehst Du speziell im Bereich Musik auch Gemeindeaufbau- und entwicklungsmöglichkeiten, die nur dieser Bereich bieten kann?
! Eine gute und fundierte musikalische Arbeit ist für mich ein äußerst wichtiger Faktor für den Gemeindeaufbau. Da heutzutage nur noch eine geringe Anzahl von Menschen in klassischer Musik zuhause sind, erachte ich es als höchste Priorität, dass in unseren Gemeinden Menschen gefördert werden, die moderne christliche Musik in Gottesdiensten begleiten können. Musik hat einfach eine enorme Wirkung auf das menschliche Gemüt und die Rückmeldung vieler Menschen, die wieder einen Zugang zur Kirche gefunden haben, bestätigen mir, dass moderne Gospels oder wie auch immer man das Genre nennt, eine wesentliche Rolle spielen. Singbare Lieder sind gesungene Gebete, die die Menschen bis in ihren Alltag begleiten.

? Ihr habt gerade den zweiten Preis in dem bundesweiten Wettbewerb Gemeinde 2012 des Magazins Chrismon gewonnen. Wie kam es denn dazu und wofür wurdet ihr konkret ausgezeichnet?
! Ein Gemeindeglied und Chrismon-Leser hatte mich angesprochen und motiviert, mitzumachen. So habe ich unsere Gemeinde im Internet kurz beschrieben und ein paar Bilder reingesetzt- das war´s. Ein paar Klicks in Facebook, die Mailingliste abgeschickt und den Rest haben engagierte Freunde gemacht. So sind wir unter die ersten 20 gekommen. Daraus wurden wir von einer Jury mit dem 2. Platz gekürt. Ich denke, dass vor allem unser Ansatz, konfessionslose Menschen zu erreichen, gefruchtet hat. Eine Gemeinde zu sein, die sich nicht selbst genügt, sondern sich aufmacht, eine neue Kirche baut und zusätzlich eine Menge Energie für die Mission aufbringen will, hat die Jury begeistert.

? Deine Stelle ist als Projektstelle befristet. Was wünscht Du Dir für die Gemeinde in den verbleibenden eineinhalb Jahren?
! Ich wünsche mir, dass viele neue Leute den Glauben für sich entdecken und ihre Talente zur Ehre Gottes in der Gemeinde einbringen. Falls 2014 wirklich Schluss sein sollte, muss vieles ehrenamtlich geschultert werden. Dass auch geistliche Angebote wie Hauskreise, Alphakurse, besondere Gottesdienste mehr und mehr von Teams geleitet werden, dass ein Netzwerk der Fürsorge entsteht, durch das nicht so schnell einer durchfällt, ist ein großer Traum.

? Denkst Du an unsere Landeskirche in der Fläche? Was wünscht Du Dir hier und welchen Beitrag kann christliche Popularmusik dazu leisten?
! Wie könnte es anders sein, dass jemand, der selbst in einem Projekt steht sich wünscht, dass unsere Kirche in der Breite solche Gemeindepflanzprojekte ermöglicht. Das missionarische Arbeiten sollte von seiner „Sonderstellung“ enthoben werden und zum Alltagsgeschäft werden. Immer noch wird die besondere Ausrichtung auf Menschen ohne Konfession oder die Einbindung popmusikalischer Arbeit vielfach als „freikirchlich“ abgetan, was schade ist. Ich wünsche mir, dass die Popularmusik ihren rechtmäßigen und notwendigen Platz in den Gemeinden einnehmen kann.

? Vielen herzlichen Dank für das Gespräch.

Erschienen in Ausgabe 3/2012 von musik&message (Online-Magazin)